Tagebuch. 2. Dezember

Hermann Bahr: Tagebuch. 2. Dezember. In: Neues Wiener Journal, Jg. 28, Nr. 9748, 25.12.1920, S. 6–7.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. 2. Dezember
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 25.12.1920
  • Jahrgang 28
  • Nummer 9748
  • Seite 6–7
Rezensiert
  • Harry Kessler: Die Kinderhölle in Berlin. In: Die Deutsche Nation. Eine Zeitschrift für Politik, Jg. 2 (November 1920) #Sonderheft 11
Volltext Erschütternd ein Aufsatz Harry Keßlers in der »Deutschen Nation« (Zeitschrift für Politik und Geschichte, Deutsche Verlagsgesellschaft, Berlin W 8) über »die Kinderhölle in Berlin«. Es ist wirklich eine Hölle, in die wir da mit Augen sehen! Acht Photographien zeigen sie und Keßler versichert, daß es im Berliner Norden und Osten, am Wedding, am Gesundbrunnen, um den Görlitzer und Schlesischen Bahnhof herum kaum ein Haus ohne solches Elend gibt. Die Not ist ja längst über die Schicht der Arbeitslosen, deren am 15. September in Deutschland siebenmalhundertdreißigtausend gezählt worden sind, emporgekrochen. Im statistischen Amt zu Berlin-Schöneberg ist berechnet worden, daß das Existenzminimum einer Berliner Familie von vier Köpfen jetzt neunzehntausend Mark beträgt und von kaum zehn Prozent der Berliner Familien erreicht wird. Drei Viertel der Berliner Bevölkerung sind unterernährt. Das Frühstück der Kinder besteht in zwei trockenen »Stullen« mit Kaffeeersatz; mittags dieselben »Stollen«, bestenfalls mit Margarine, zum Abendbrot Kartoffeln, Weißkohl oder Mohrrüben. »Ohne die Quäkerspeisung, die der einzige Lichtpunkt im Leben von Tausenden und aber Tausenden von Berliner Familien ist, würde eine ganze Kindergeneration aufwachsen, die nie etwas anderes zur Kräftigung oder zum Genuß bekommen hätte, als trocken Brot, Kaffeeersatz und Wassergemüse.« So schwach sind diese Kinder, daß sie meistens mit sieben Jahren kaum die Größe von Dreijährigen haben und mit sieben oder acht Jahren erst allmählich gehen zu lernen die Kraft finden. »Untermenschlich« nennt Keßler diese Generation rachitischer, mit skrophulösen Schwären bedeckter, fast nackt zu dritt oder viert in einem Bett schlafender Kinder; die, ohne Wäsche, ohne Schuhe, ohne irgendwelche Kleider, wenn sie doch einmal ans Tageslicht sollen, in Tüchern über die Straße getragen werden. Keßler wundert sich, daß »die toten Kinderaugen der deutschen Großstädte« so wenig Eindruck auf die Nation machen, daß »diese Volkskatastrophe, diese ungeheure Kindertragödie, die sich in unserer Mitte abspielt, anscheinend kein Aufsehen bei uns erregt!« Das ist die deutsche Republik. |
Zusammenfassung Bahr sieht in der furchtbaren Kinderarmut das wahre Gesicht der Republik.
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Alternative Drucke Hermann Bahr: 2. Dezember [1920]. In: Kritik der Gegenwart. Augsburg: Haas & Grabherr 1922, S. 291–292.
Schlagwörter Artikel in einem Periodikum, Tagebuch