Tagebuch. 1. Dezember

Hermann Bahr: Tagebuch. 1. Dezember. In: Neues Wiener Journal, Jg. 27, Nr. 9385, 21.12.1919, S. 6.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. 1. Dezember
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 21.12.1919
  • Jahrgang 27
  • Nummer 9385
  • Seite 6
Volltext Nachricht vom Tode der Gräfin Melanie Zichy. Welch eine wunderbar reine, feste, stille Gestalt geht mit der fast Siebenundachtzigjährigen dahin, wieviel Erinnerungen nimmt die Tochter Metternichs, des stolzen, weltgebietenden Staatskanzlers Klemens Metternich, mit sich ins Grab! Unvergeßlich ist mir die Stunde bei ihr, heuer im März, in Hansens rotem Sina-Palais mit den Fresken Rahls, dort auf dem Forum der römischen Festung Vindobona. Sie selber aber in ihrer schlichten Würde, halb Hausmütterchen, halb Regentin, schon fast entrückt, doch noch lebhaft dem Tage zugetan, Vormärz und Ewigkeit zugleich, auf diesem geschichtlichen Platz selber auch ein lebendes Stück Geschichte, saß am Fenster der engen Stube, leicht über das schmale Tischchen gebückt, ein Hörrohr in der noch festen Hand, und wie nun in ihrem Wesen Adel der Geburt mit dem des hohen Alters, Güte mit Strenge, der Ernst eines langen Lebens mit einer fast mädchenhaften Schalkhaftigkeit zusammenfloß, das war von einem unbeschreiblichen Reiz: aus ganz bestimmten Zügen einer abgeschlossenen Gesellschaft in einer schon längst historisch erstarrten Epoche schien da vor mir eine ganz zeitlose, höchst lebendige Märchenfigur geworden. Welche Seelenheiterkeit, und bei welcher Seelenfestigkeit! Die Milde selbst, aber unbeugsam im Rechten und noch ganz jugendlich aggressiv gegen alles Halbe, gegen alles Paktieren, gegen jeden faulen Frieden! So mannhaft wie diese alte Frau weiß ich wenige Männer,und niemals im Leben bin ich schmeichelhafter ausgezankt worden. Irgendwie gerieten wir nämlich ins Politisieren und sie begann mich über das Kompromiß zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen zu verhören, das ich, meine politische Unschuld beteuernd, diesen beiden Parteien gleich abgeneigt, mit Mime wünschend: »O brächten beide sich um!«, dennoch entschuldigen, ja befürworten zu müssen glaubte, faute de mieux, als Schutz vor Plünderungen, Straßenraub, Judenhetzen, kurz: Schrecken in allen Farben. Das aber nahm sie mir gewaltig übel. Sie nämlich, die hohe Achtzigerin, wollte solchen Schutz gar nicht, er schien ihr ärger als wovor er schütze, dieser schleichende Schrecken seit dem Abfall der Menschheit von der göttlichen Weltordnung, seit der großen französischen Revolution, immer wieder notdürftig zugestopft, doch unterirdisch weiter schwärend, niemals ganz aufbrechend und ausbrechend, eben darum aber auch niemals verrinnend, niemals entleert, sondern immer von neuem unter dem Schutt fortschwälend, statt endlich einmal so durchzubrennen, daß er dann aber auch ausgebrannt wäre für alle Zeit, dieses Fortwusteln in einem allen gleich unerträglichen Zustand zwischen Leben und Sterben sei das Schimpflichste! Recht und Unrecht in Eintracht, Ordnung und Aufruhr an einem Tisch, Wahrheit und Lüge Hand in Hand – ja da müßten doch eigentlich sogar Unrecht und Aufruhr und Lüge selber schamrot werden! »Also lieber Bolschewismus?« fragte ich lächelnd. Und sie zögerte keinen Augenblick, zu beteuern: »Aber zehntausendmal lieber! Denn da weiß ich doch, woran ich bin! Aber es sich weder mit dem lieben Gott noch mit dem Teufel ganz verderben, sondern auf alle Fälle mit beiden sich’s ›richten‹ wollen, das geht über meinen Hausverstand!« Dann aber fuhr sie fort: »Und um den Bolschewismus kommen wir ja doch nicht herum! Weder so noch anders! Wir können nicht mehr von ihm abbiegen! Wir müssen auf ihn zu, müssen durch ihn durch, bis an sein Ende durch. Dann erst kommen wir auf der anderen Seite vielleicht wieder über ihn hinaus, ins Freie! Die Geschichte läßt einmal angefangene Sachen nicht mitten drin unvollendet liegen; eine solche Schlamperei sieht ihr gar nicht gleich!« Und sie wiederholte: »Durch! Bis ans Ende durch! Und dann über dieses Ende hinaus, um wieder vom Anfang zu beginnen: in Gott!« Da verklärte sich ihr altes, hartes Gesicht, das vom hohen Fenster her, während das lange, schmale Gemach schon in Dämmerung lag, noch einen letzten Tagesschein erhielt, und wie weither klang die Stimme jetzt, als sie von ihrem Vater erzählte, dem Staatskanzler, der dies alles immer schon vorausgewußt, vorausgesehen, vorausgesagt. Dadurch nämlich, daß Napoleon die große Revolution unterbrochen, ihren natürlichen Verlauf aufgehalten und ihre Willenskraft, durch klugen Gebrauch französischer Ruhmsucht, auf den Krieg abgelenkt hätte, sei zwar Frankreich zunächst gerettet worden, aber nun ein noch unverdauter Rest von Revolution sozusagen der Menschheit im Magen liegen geblieben, der sie solange quälen werde, bis sie ihn erbräche, bis einmal irgendwo das Experiment der Revolution erst an sein Ende durchgeführt wäre, bis ad absurdum. Dieses Experiment wolle ja beweisen, daß der Mensch den lieben Gott und sein Gesetz heutzutage nicht mehr nötig hat, sondern sich dies alles hier auf Erden jetzt aus eigener Kraft seiner menschlichen Vernünfte schon ganz allein viel besser arrangieren kann. Seit ihm das einmal eingeredet worden, sei dieser moderne Mensch zu neugierig erpicht darauf, um sich jemals wieder davon abbringen zu lassen, es sei denn durch das Experiment selbst. Der Mensch glaubt es besser zu können als Gott, und so wird er, was man ihm auch sagen mag, immer antworten: Ich will’s aber jedenfalls einmal probieren! Und er wird nicht ruhen, so lang es nicht bis ans Ende probiert ist! Die Hoffnung, daß er vielleicht doch auf halbem Wege stehen bleibt, sei wirklich albern. Warum denn auch? Einmal auf dem Wege, kann er gar nicht mehr zurück, er muß vorwärts, er muß jetzt schon bis ans Ende. Dort wird’s sich ja zeigen! Dort werden es dann alle sehen! Und sehen sie, daß es eben ohne Gott doch nicht geht, da kehren sie dann um und kehren wieder heim zu Gott! Das hätte die gute Gräfin gern noch erlebt, und weil ihr jenes Kompromiß das nur unnötig zu verschleppen schien, war sie recht ärgerlich. In diesem Ärger aber stak noch mehr: der heilige Zorn einer reinen Natur, der die Wahrheit etwas aus einem Stück, etwas Ungeteiltes und Unteilbares ist, wovon man sich nichts abhandeln lassen kann. |
Zusammenfassung Bahr erinnert sich an Melanie von Metternich-Winneburg, verh. Zichy, und an einen kürzlichen Besuch bei ihr, wo sie den Weg zu Gott nur durch eine Phase des Bolschewismus möglich gesehen haben solle.
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Alternative Drucke Hermann Bahr: Hermann Bahr über † Gräfin Melanie Zichy-Metternich. In: Das Neue Reich. Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft, Jg. 2, Nr. 14, 4.1.1920, S. 225–226.
Hermann Bahr: 1. Dezember [1919]. In: Kritik der Gegenwart. Augsburg: Haas & Grabherr 1922, S. 13–16.
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