Tagebuch. Berchtesgaden, 8. Januar

Hermann Bahr: Tagebuch. Berchtesgaden, 8. Januar. In: Neues Wiener Journal, Jg. 28, Nr. 9419, 25.1.1920, S. 5.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. Berchtesgaden, 8. Januar
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 25.1.1920
  • Jahrgang 28
  • Nummer 9419
  • Seite 5
Volltext Am Abend vor Silvester war ich zum letztenmal bei Lammasch, acht Tage vor seinem Tode, und fand ihn da heller, gesprächiger, heiterer als je seit seiner Heimkehr. Vernichtet ging er von Saint- Germain weg, er schien wie mitten entzwei, nur seine Demut hielt ihn im Vertrauen auf Gott noch fest: er verlor den Glauben nicht, daß sich die Menschheit wiederfinden wird,- doch er wußte, daß wir in unseren Jahren nicht mehr hoffen dürfen, das Abendland noch einmal zu sehen, sei’s auch nur in der ja schon höchst fragwürdigen und gebrechlichen Form, durch die wir uns bis zum Kriege eine gemeinsame Kultur hatten vortäuschen lassen, geschweige denn in der unverbrüchlichen Gestalt eines aller nationalen Selbstsucht entrückten Völkerrechts, dem er seine Lebenskraft geweiht hatte. Die diente dem Völkerbund, lange bevor man öffentlich von ihm sprach. Ich vermute, daß es doch eigentlich nur Lammasch und Wilson mit dem Völkerbund ernst meinten: den beiden war er ein Ziel, den anderen doch immer nur ein Hilfsmittel ihrer Politik, wie irgendein anderes auch, dessen man sich heute bedient, um es nach Gebrauch morgen wieder abzutun. Ihnen beiden aber war s der Anfang einer menschenwürdigen Gesellschaft von Völkern; und jetzt liegt Wilson einsam im Sterben und Lammasch ist tot! ... Lammasch war menschlich vor allem dadurch so merkwürdig, daß er bei höchster geistiger Ausbildung und einer vollkommenen sittlichen Zucht sich doch das Urwüchsige seiner angeborenen Natur ganz unversehrt erhalten hatte. Die meisten haben nur die Wahl, entweder roh zu bleiben oder wenn sie sich auf irgendeine Form einlassen, dadurch an Eigenart zu verarmen; Bildung schwächt sie, der »Gebildete« pflegt, was er an geistiger Haltung gewinnt, an instinktiver Sicherheit zu verlieren, seine Natur erstickt unter den darüber aufgeschichteten, aber niemals mit ihr selber verwachsenden Zugaben, und durch alles Angelernte hindurch schließlich wieder zur Unschuld der angeborenen Eigenart zurückzukehren, will heute wenigen gelingen. In Lammasch aber war gerade dies Angeborene, das Urlebendige, das sozusagen Anonyme seines Wesens offenbar von solcher Entschiedenheit, daß die Flamme, wie viel dämpfende Gewalten er auch aufschütten mochte, doch immer wieder durchzuschlagen niemals abließ. Er gab das höchste Beispiel einer jetzt sehr seltenen Menschenart, der man am ehesten noch in Benediktinerklöstern begegnet, wo zuweilen auch, wenn einer von den ehrwürdigen Greisen den frommen Blick vom Gebet aufschlägt, uns aus seinen Augen noch das Kind, ganz unberührt, arglos anlacht. Diese zweite Kindheit, reiner noch und seliger vielleicht als die erste, eine wohlerworbene, wissende, selbstgewählte Kindheit, die Kindheit der Selbstüberwindung gab allem, was Lammasch sann, sprach oder tat, einen unvergeßlichen Reiz, er war in seiner Würde von einer Anmut, in seinem Ernst von einer Freudigkeit, in seiner Härte selbst noch von einer Unbefangenheit, er war so ganz aus einem Stück, so notwendig und unvermeidlich aus sich selbst erwachsen und in sich selbst zusammenhängend, daß, wer ihn nicht ganz verleugnen wollte, sich ihm ganz ergeben mußte. Wie sein Antlitz, auf den ersten Blick ein typischer Gelehrtenkopf, durch die schrägen buschigen, starrenden Augenbrauen etwas höchst Individuelles, Drohendes, ja geradezu Pathetisches, wie seine milde Stimme zuweilen auf einmal einen unerwarteten Klang von Erz bekam, so war sein sanftes, grundgütiges, stilles Wesen von einem unbeugsamen, ja fast dämonischen Willen zum Rechten eingefaßt. Er hatte nichts, gar nichts von den veilchenblauen Pazifisten aus schlechten Nerven, er hatte die große Leidenschaft für den Frieden, für einen Frieden nämlich, der erst kommen kann als natürlicher Ausdruck einer höheren, aus Entsagung und Verseelung aufblühenden Menschlichkeit, deren schönste Verheißung er selber in seinem Heldenmut zur Liebe war. Diese Liebe, die er lebte, hatte nichts Unfreites, Verschicktes, Einschläferndes, es war die kämpfende Liebe der todbereiten Antigone, es war die siegende Liebe der Märtyrer und Bekenner, es war ja die jauchzende Liebe zum Willen Gottes, eine Liebe, zornentbrannt gegen jedes Unrecht, eine gewaltig eifernde Liebe, die sich nicht lange besinnt, wenn es sein muß, auch einmal vor Güte bös zu werden. Sie hat nie den faulen Frieden der Händler gemeint, sondern den heiligen Frieden, den über der Krippe der Engelchor den Menschen guten Willens verheißt. Es war etwas Streitbares, etwas Triumphierendes in den kühnen Blicken seiner drängenden, stürmenden Friedensliebe; sie ging nicht auf irgendein lasches Paktieren aus, auf Vertuschen oder Beschwichtigen oder Zerreden von Gegensätzen, sondern auf stolzen Sieg der Vernunft über alle niederziehenden Gewalten. Wie denn dieser fromme Katholik überhaupt in vielem Kant glich, auch mit solcher Leidenschaft bemüht, ein ihm ganz unmittelbar gewisses, sozusagen vitales, sich in ihm mit der Sicherheit körperlicher Funktionen von selbst vollziehendes Bedürfnis des Guten, Rechten, Schönen, das Erbstück alter religiöser Kultur, nun auch noch logisch unterzubringen und sich gewissermaßen seinen Glauben noch von der Vernunft beglaubigen zu lassen. Er war darin ein richtiger Altösterreicher: Kant hat auf Österreicher seiner Zeit stark gewirkt (übrigens ein gutes Thema für ein philosophisches Seminar, einmal Kants Spuren in österreichischen und bayrischen Klöstern darzutun!), auf manche so, daß sie fortan des Glaubens entraten zu können meinten, ein Irrtum, der die Weltanschauung des Altliberalismus ergab, aber andere wieder eben dadurch, daß er ihnen das Reich der Freiheit erschloß, ermutigend, aus jenem vagen Deismus des achtzehnten Jahrhunderts, mit dem sich ihre Generation so gern abfand, getrost zur lebendigen Gestalt unseres angestammten Glaubens heimzukehren: Feuchtersleben und Stifter sind die reinsten Beispiele dafür und es war einer der großen Glücksfälle meines Lebens, daß ich ihrem hohen Geiste noch an Lammasch sozusagen in Person begegnen durfte. Das war im ersten Kriegsiahr, als noch alle Leute, wenn sie sich’s jetzt auch nicht mehr eingestehen wollen, im Taumel der Begeisterung waren. Ich schwärmte nicht mit, hielt aber dafür, daß wir, nachdem das Unglück einmal geschehen und der Krieg ausgebrochen, alles aufzubieten hätten, um zu siegen. Lammasch aber, den ich damals kennen lernte, sah von Anfang voraus, daß wir nicht siegen konnten, weil eher die ganze Welt gegen uns aufzustehen bereit war, als zuzulassen, daß Europa preußisch würde. So hatten wir also nur die Wahl zwischen Verrat an Preußen oder eigenem Untergang. Es kam dann eine merkwürdige Zeit: da fingen nämlich dann bald auch deutsche Staatsmänner und deutsche Feldherren dies zu begreifen, ja selber den »Verrat« Österreichs zu wünschen an, weil sie nämlich, an ihrer Kraft zum Sieg verzweifelnd, in ihrer Todesangst vor dem Unwillen des eigenen, sich belogen erkennenden Volkes einen Blitzableiter für ihn suchten. Um diese Legende, daß nur Österreichs tückischer »Verrat« das deutsche Volk um den schon errungenen Sieg betrogen hätte, würdig vorzubereiten, wurde zur selben Zeit, als man in Berlin den Krieg verloren zu geben begann, dort um so lauter vom Sieg renommiert, zugleich aber schon Österreich der Schwäche, des »Umfallens« verdächtigt, eben des Verrats, den man doch dort selber als einzigen Ausweg für sich wünschte. Wieder in Wien aber waren gerade die Fürsprecher des »Verrats« am heftigsten über die Zumutung empört, den Schein eines Verrats auf sich zu nehmen. Alle, hier wie dort, gaben sich geschlagen, es sollte nur nicht so heißen. Alle wollten im Grunde dasselbe, nur verantworten hat es keiner wollen. Ganz wie Pilatus, der mit allem einverstanden ist, wenn er sich nur die Hände waschen kann. »Denn wie steh denn ich sonst vor den Leuten da?« ruft der Wiener in solchen Fällen, und aus solcher Höllenangst, nur um Gotteswillen nicht vor den Leuten schlecht dazustehen, brach damals im Herrenhaus jener Theatersturm gegen Lammasch aus. Er und der junge Kaiser Karl waren die einzigen, die nicht fragten: Wie steh ich denn da? sondern immer nur fragten: Was ist meine Pflicht? Hätte der junge Kaiser zu seinem hohen Pflichtgefühl nur einen Schuß von Friederizianischer Verachtung des Urteils der Welt und einige Menschenkenntnis gehabt, Österreich und Deutschland wären beide durch ihn noch zu retten gewesen. Er aber an Einsicht allen seinen Ratgebern überlegen, war leider gar keine einsame Natur, er konnte den aufmunternden Zuruf der Menge nicht entbehren, er hat es als echter Österreicher immer allen recht machen wollen, ihn verlangte nach dem Rechten, doch unter allgemeinem Applaus. So war Lammasch schon im Sommer 1917 einmal abends eine Stunde lang beinahe Ministerpräsident, aber eine Stunde später hatte man dem Kaiser wieder eingeredet, es hätte ja noch Zeit: »Der Lammasch bleibt uns schließlich immer noch!« Aber als ihm dann am Ende wirklich nichts mehr als der Lammasch übrig blieb, da war halt nichts mehr, was der noch hätte retten können: in jener Sommerstunde von 1917, wo sich’s der junge Kaiser noch wieder anders überlegte, hat er seine Krone verspielt. Er wollte gar zu sicher gehen, ihm fehlte die nachtwandlerische Zuversicht, mit der sich Bismarck, als in der Schlacht bei Königgrätz der Kronprinz noch immer nicht kam, ruhig seine letzte Zigarre schmecken ließ. |
Zusammenfassung Nachruf auf Heinrich Lammasch
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Alternative Drucke Hermann Bahr: 8. Januar [1920]. In: Kritik der Gegenwart. Augsburg: Haas & Grabherr 1922, S. 33–37.
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