Tagebuch. 18. Juni

Hermann Bahr: Tagebuch. 18. Juni. In: Neues Wiener Journal, Jg. 28, Nr. 9583, 11.7.1920, S. 6.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. 18. Juni
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 11.7.1920
  • Jahrgang 28
  • Nummer 9583
  • Seite 6
Volltext Der Vater der Réjane war ein Schmierenkomödiant, aus dem schließlich ein Theaterkassier wurde, sie trug den Theaterteufel im Leibe. Regnier, der große Schauspieler und Lehrer der Schauspielkunst, erschrak, als man ihm die Kleine brachte, der zur Schauspielerin doch alles fehlte. Sie war gar nicht hübsch, sah wie ein Gassenbub aus, und er fand, daß sie mehr »einem kleinen Affen« glich. Sie bat und drang in ihn aber mit solcher Verve, sie war ihrer Vocation so gewiß und hatte dabei so was Drolliges, daß er sich beschwatzen ließ, es dennoch mit dem possierlichen Ding zu versuchen. Sein Unterricht war kein Vergnügen. Ganz wie nach ihm Coquelin hielt auch er vom »Talent« nicht viel, dieses Handwerk will gelernt sein, es besteht aus allerhand kleinen Kniffen und Listen, aus allerhand geheimen Trucs, worin der kleine Aff nun unbarmherzig zwei Jahre lang gedrillt wurde, sich dabei von einer erstaunlichen Behendigkeit an Leib und Seele zeigend. Wenn sie nur nicht so furchtbar schiech gewesen war! Gamin, Gavroche, Clown, mit einem unmöglich frechen Näschen im zerfahrenen Gesicht, winzigen lausbübischen Augen unter den verblüfft hochgezogenen Brauen und dem klaffenden Maul der dicken Weiber aus den Hallen, das Ganze wirklich wie ein schlechter Witz auf ihr Geschlecht, wie geschaffen, einen von jeder Sinnenlust zu entwöhnen! Niemand hätte sich damals einfallen lassen, daß diese Stange, von deren geistiger Grazie man sich allenfalls parodistische Wirkungen in der Operette oder auf dem Brettl versprechen, die vielleicht eine Pariser Gallmeyer werden konnte, schon nach ein paar Jahren an Ruhm neben der göttlichen Sara stand, ja, daß es ihr bestimmt war, einen neuen Frauentyp zu schaffen, für dreißig Jahre, bis zum Weltkrieg. Über ihre Sappho (in dem Stück Daudets) schrieb der alte Edmond de Goncourt: » Jamais on n’a joué l’amour comme cela.« Er hat freilich die Duse nicht mehr erlebt. Aber die Duse gab uns eine Liebe, die sich niemand hätte träumen lassen, während die Réjane den Liebestraum einer ganzen Generation erscheinen ließ: von ihr erfuhren die jungen Leute, die um 1880 mannbar wurden, wie sie sich das Weib wünschten. Alle dreißig oder fünfzig Jahre werden ja stets wieder einmal die geschlechtlichen Ideale gewechselt. Zum Beispiel an Ludwig Löwe, Krastel und Kainz, an diesen drei Wandlungen des »Jünglings«, hat man die Seelengeschichte von drei Generationen. Eine neue Generation kündigt sich immer dadurch an, daß sie glaubt, auf irgendeinem Gebiet eine neue Wahrheit entdeckt zu haben. Unsere erste Entdeckung war, daß wir meinten, in jedem Weibe stecke die Möglichkeit zu allen Weibern. Früher hatte man das unberührte Mädchen, die ingenue, von der heroisch leidenden Frau, der grande amoureuse, und diese wieder von dem dämonischen Weibe, der femme fatale, der mangeuse d’hommes getrennt, im Leben wie auf der Bühne. Jetzt glaubte jeder Student an seiner Grisette das Urweib, gleichsam Eva selbst und damit eine Versammlung aller Engel und Teufel in den Armen zu haben. Die Verwandlungen der Frau, jeder Frau, werden nun das Thema der Literatur von den Goncourts über Daudet, Becque und Bourget bis auf Abel Hermant herab, für die in jedem Weibe das ganze Geschlecht, in der Dame eine Dirne, in der Dirne eine brave Frau, in der Prinzessin ein Gassenbub, in der Wäscherin eine Heroine steckt und jede jeden Augenblick alles werden kann, worauf sie grad Appetit hat, da sie ja niemals irgend etwas davon wirklich ist, sondern eben darin jetzt das Wesen des Weibes bestehen soll, nichts zu sein, aber alles, alles scheinen, alles spielen zu können. Goncourt hat das in die klassische Formel gebracht: »Il y a des hommes, il y a la femme« (Frauen mit üblen Erfahrungen am Manne können die Formel natürlich umkehren und sie wäre ganz ebenso wahr.) Ihr schauspielerischer Ausdruck, ihr erster und ihr stärkster Ausdruck war die Réjane; jeder ihrer Gestalten lauerte heimlich das Urweib auf, dadurch ist sie die große Schauspielerin unserer Generation geworden: die Darstellerin des Weibes, wie von 1880 bis 1910 etwa der Mann von westlich instrumentierter Sinnlichkeit es sich mit Abscheu begehrte. Ganz Dame geworden, aber irgendwie heimlich doch Volk geblieben, mit dem guten Herzen des Volkes, aber auch mit seinem bösen Blick, dabei sich selber über die Dame, deren Augenschein sie mit solcher Geläufigkeit zu geben wußte, stets heimlich lustig machend und sie noch chargierend, parodistisch übertreibend, doch gerade dadurch eben erst ganz die richtige Dame dieser Zeit, die Dame der radikalen Republik, die ja keine mehr ist, sondern, gestern noch Canaille und morgen vielleicht wieder, nur in der Zwischenzeit geschwind die rasch erlernte Dame spielt, selber darüber lachen muß, wie täuschend sie das trifft, und eigentlich eine geheime Wut hat, daß man es ihr glaubt, weil ihr gesunder Instinkt im Grunde darauf pfeift, weil sie Stunden hat, wo sie sich nach der Gasse, ja nach der Gosse zurück sehnt und weil sie jeder heimlich neidisch ist, die noch nicht nötig hat, sich in dieses steife Staatskleid der Dame zu zwängen, so war die Réjane das »Ideal« der Männer wie der Frauen einer erst gestern emporgetauchten und dieser Überraschung eigentlich selbst nie ganz trauenden, die nostalgie de la boue nie ganz überwindenden Gesellschaft, jener bourgeoisen Gesellschaft, deren Beruf Péguy später einmal dahin zusammengefaßt hat: Le monde moderne avilit, c’est sa specialité. Dieses Avilissement aller Menschen und aller Dinge, ja der ganzen Schöpfung, nun an einem besonderen Fall, am Weibe darzustellen, und mit einer teuflischen Schadenfreude, der aber zugleich auch eine tiefe Rankune, ja die Rachsucht der Geschändeten anzuhören war, ist die Spezialität der Réjane gewesen; die masochistische Lust, die die Damen der Republik fanden, sich hier in ihrer ganzen Erbärmlichkeit entblößt zu sehen, erhielt durch das unheimlich Drohende der doch immer mit hinterrücks geballter Faust spaßenden Spielerin noch einen besonderen Frisson. Der nächste Schritt war dann, daß die versteckte Faust sich zeigte, die rote Fahne des Aufruhrs schwingend: Yvette Guilbert. Noch ein Schritt und das Weib aus dem Volke trat rein hervor, eines das sich nicht mehr als Dame maskiert, das keinen Zug der Vergangenheit mehr, das schon das Antlitz der Zukunft hat: Susanne Després. Beide stecken schon in der Réjane, deren Kunst eine Spannweite vom zweiten Empire, das überall noch deutlich in ihr nachklingt, bis zum russischen Chaos hat; eine heiße Gier nach Steppe, nach Barbarei, nach Urwelt seufzt schon leise zuweilen aus ihr auf. Sie hatte freilich auch das Glück, einen entscheidenden Augenblick vorzufinden, den nämlich, als sich in den Naturalismus, den Triumph der Wirklichkeit, eben schon ein leiser Degout zu mischen begann, ein Gefühl ihres Trugs und der Entschluß, sich von ihr nicht länger äffen zu lassen: der Weltuntergang, der sich anzukündigen schien, wurde nur als Weltübergang empfunden, und das ergab die Stimmung einer eigentlich eher heiteren, einer zynisch lachenden Apokalypse, die sich selbst durch einen leisen Donner in der Ferne kaum stören ließ... Den ihr ganzes Leben entscheidenden Erfolg hatte die junge Réjane am 18. Dezember 1888 als Germinie Lacerteux. Es war eine Theaterschlacht von einem Ingrimm, wie vielleicht seit der um Hernani keine mehr: der greise Edmond de Goncourt, mitten im Pulverdampf des Hasses, von Gallenausbrüchen sittlicher Entrüstung bespien; und noch wochenlang lag die Stadt wie im Fieber davon und bei jeder Wiederholung ging Abend für Abend der Skandal wieder los, nur Franzosen lassen sich immer zu Zeiten wieder einfallen, Kunst so lebensgefährlich ernst zu nehmen. Germinie ist ein Dienstmädl, lieb, brav und gut, nur leider mit einem gros fond de tendresse à placer, wodurch sie nun an einen Zuhälter und aufs Pflaster gerät. Wie Réjane dieses in die Schande Gleiten, lautlos Einsinken, ohnmächtig in den Abgrund des Schicksals Verschwinden gab, das war von einer fast antiken Größe, die mir bis zum heutigen Tag unvergeßlich geblieben ist (ich mußte lachen, als ich eben nachlas, was ich damals über sie schrieb: in einem Stil so rot wie die berühmte Weste, die Gautier bei Hernani trug!) Kerr hat einmal sehr klug die nordische Schauspielkunst des »Verkneifens der Gefühle« von der lateinischen »ihres Ausströmens«, die des passiven, negativen von der des aktiven, positiven Lebens unterschieden: die Réjane war vielleicht die einzige, die von beiden hatte. Ihr fehlte nur der Dichter dazu. Sie hatte das Unglück, daß in unserer Zeit die Dichter schwächer sind als die Schauspieler. Auch hatte sie das Unglück, daß die Franzosen Shakespeare nicht spielen: welche Rosalinde wäre sie gewesen, welche Beatrice, welche Viola! Dafür hat sie bei Meilhac in manchen Momenten beinahe Shakespeare gespielt. Aber sie hat, nach der Germinie, eigentlich auch sich selbst immer nur beinahe gespielt. Ihre Rollen waren zu gering, als daß sie darin ihre ganze Kraft unterbringen hätte können. Es blieb immer ein unbeschäftigter Rest von Begabung, der dann debordierte, wie bei Mitterwurzer und Kainz auch oft in modernen Stücken. Sie hat einmal in einer Komödie Hermants eine curieuse d’amour gespielt, die vor lauter Neugier nach Liebe nie zur richtigen Liebe kommt. So könnte man sie selber eine curieuse d’art nennen, die nie die Rolle fand, in der sie ganz zu sich selber hätte kommen können. Ihr Schicksal war symbolisch für unsere Zeit. |
Zusammenfassung Der Nachruf auf die Réjane wird Bahr unversehens zu einem Traktat über die unterschiedlichen Frauengeschmäcker der verschiedenen Generationen zu seinen Lebzeiten.
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Alternative Drucke Hermann Bahr: 18. Juni [1920]. In: Kritik der Gegenwart. Augsburg: Haas & Grabherr 1922, S. 160–164.
Schlagwörter Artikel in einem Periodikum, Tagebuch