Traumulus. (Tragische Komödie von Arno Holz und Oskar Jerschke. Zum ersten Mal aufgeführt im Burgtheater am 11. Februar 1905)

Hermann Bahr: Traumulus. (Tragische Komödie von Arno Holz und Oskar Jerschke. Zum ersten Mal aufgeführt im Burgtheater am 11. Februar 1905). In: Glossen. Zum Wiener Theater (1903 bis 1906). Berlin: S. Fischer 1907, S. 65–71.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Traumulus. (Tragische Komödie von Arno Holz und Oskar Jerschke. Zum ersten Mal aufgeführt im Burgtheater am 11. Februar 1905)
Gesamttitel Glossen. Zum Wiener Theater (1903 bis 1906)
Erschienen
  • Berlin
  • S. Fischer
  • 1907
  • Seite 65–71
Weitere Drucke (Bücher)
  • Hermann Bahr: Kritiken (1963), S. 94–97 [Herausgeber Heinz Kindermann]
Textanfang Traumulus wird der Direktor des königlichen Gymnasiums, Herr Professor Dr. Niemeyer, von seinen Schülern [… es folgt eine ausführliche Würdigung des Stoffes] Mich ergreift es sehr, wie durch dieses ganze Stück der trostloste Gedanke zieht, daß doch kein Mensch den andern kennt, aber eigentlich auch sich nicht, keiner vom anderen weiß, auch von sich nicht, und darum keiner jemals dem anderen helfen kann, auch sich selbst nicht, sondern alle nur, vor den anderen und vor sich selbst versteckt, im Leben wie in einem tiefen Nebel stehen. Uns es wirkt auf mich, wie stark und rein jene zwei Gestalten empfunden sind, wenn auch freilich der Autor sie uns mehr bloß ahnen als sehen läßt. Dies ist nicht seine Schuld, sondern eher künstlerische Absicht: denn sie hätten sonst die Form des Theaters zersprengt. Es hat ihn aber offenbar gereizt, einmal zu zeigen, daß es möglich ist, auch in das übliche Theaterstück, das sich der Sinn der Menge wünscht, Menschliches zu bringen. Man weiß, daß es Holz Spaß macht, manchmal in fremden Tönen zu reden. Warum nicht auch einmal im Tonde des durchtriebenen Theatermenschen, dem auf jeden Wink alle Finten und Kniffe des Metiers gehorchen. Sonst rufen wir in solchen Fällen gleich verzückt: Seht doch die Franzosen! Freuen wir uns, es einmal an einem Deutschen bewundern zu dürfen. Dies alles sagt mir mein Verstand beharrlich vor und ich ärgere mich, daß es ihm nicht gelingt, mich ehrlicher zu begeistern. Aber eine leise Stimme will nicht schweigen: es tut mir um diese zwei Figuren leid, daß der Autor sie in ein Theaterstück verbannt hat. Gerade weil ich ihren menschlichen Wert so stark spüre. Sie sind mir zu gut, um dem Behagen träg verdauender Gaffer zu dienen. Und ich kann bei Arno Holz nicht vergessen, der zwanzig Jahre ein Unerbittlicher gewesen ist, einer von den großen Einsamen, zu welchen niemals der Ruf des Marktes dringt.
Alternative Drucke Hermann Bahr: Traumulus. (Tragische Komödie von Arno Holz und Oskar Jerschke. Zum ersten Mal aufgeführt im Burgtheater am 11. Februar 1905). In: Österreichische Volks-Zeitung, Jg. 51, Nr. 43, 12.2.1905, S. 5.
Schlagwörter Buch, Section, Buchtext