Tagebuch. 24. Oktober

Hermann Bahr: Tagebuch. 24. Oktober. In: Neues Wiener Journal, Jg. 28, Nr. 9708, 14.11.1920, S. 5.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. 24. Oktober
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 14.11.1920
  • Jahrgang 28
  • Nummer 9708
  • Seite 5
Volltext An solchen unter ihrer herbstlichen Pracht fast niederbrechenden Tagen tritt, wenn ich abends beglückt, vom Rosenkranz im Dom heimkehrend, noch am still durch die Dämmerung rauschenden Brunnen Solaris aufblickend verweile, hinter dem dunklen Turm des Glockenspiels, das eben heiser verklang, blaß des vollen Mondes weiß schimmerndes Gesicht aus den Schleiern in hellen Dunst veratmender Nebel zärtlich hervor, und schwarz, als wär’s die Nacht selber, steht drüben der Mozart auf seinem verlassen eingeschlafenen Platz: da meint man dann in der ungeheuren Stille die neckenden Nebel gehen zu hören auf behenden Zehen, wie sie sich haschen, wie sie sich fliehen, jetzt finden, jetzt wieder verlieren, gleich wieder weg, immer wieder da, nichts als Spiel, aber ein Spiel, worin der Sinn der ganzen Welt verspielt und doch eben dadurch auch wieder alles Geheimnis erst aufgetan scheint, ein Spiel des Lichts, ein Spiel in Gelb, denn alles wird hier jetzt auf einmal gelb, aber freilich gelb von so vielfacher Art, daß andere Farben ja ganz unnötig sind, ein ganzes Orchester von Gelb, mit laut schreienden Stimmen, anherrschend grellen, aber dann auch wieder so milden, gelind beschwichtigend lieben, jedes Herzeleid tilgenden Stimmen! ... Jetzt bin ich am Fluß, den ich nur sanft ans Ufer schlagen hören, aber, weil der gelbe Nebel schon bis über den Steg empor schwillt, nicht sehen kann. Da saust drüben mit weiß in die Nacht schießenden Lampen ein Auto, doch auch dieses Weiß vergilbt schon wieder in der Gewalt dieses alles auslöschenden, alles vernichtenden Scheins von erblichenem, todesmatt aushauchendem Gold... Oskar Wilde hat einmal gesagt, der englische Nebel sei von Turner nicht bloß erst entdeckt, sondern erschaffen worden. Aber noch mehr: Turner hat ein Gelb gemalt, das es auf seinen Bildern, sonst aber offenbar nur noch in Herbstmondnächten Salzburgs gibt. Aber unsere Salzburger Maler sehen es nicht. Der »Wassermann« sollte dort einmal Turners ausstellen. Denn es scheint, daß der Mensch, was er mit Augen sieht, erst dann erblickt, wenn es ihm vorgemalt wird. |
Zusammenfassung Kein lokaler Maler hat noch ein bestimmtes Gelb in Salzburg erkannt, dass Bahr am Heimweg von der Betstunde sehen kann.
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Alternative Drucke Hermann Bahr: 24. Oktober [1920]. In: Kritik der Gegenwart. Augsburg: Haas & Grabherr 1922, S. 248–249.
Schlagwörter Artikel in einem Periodikum, Tagebuch