Tagebuch. 28. Oktober

Hermann Bahr: Tagebuch. 28. Oktober. In: Neues Wiener Journal, Jg. 37, Nr. 12921, 10.11.1929, S. 14–15.

Verfasser:in Bahr, Hermann
Titel Tagebuch. 28. Oktober
Periodikum Neues Wiener Journal
Erschienen
  • 10.11.1929
  • Jahrgang 37
  • Nummer 12921
  • Seite 14–15
Volltext Mit Arno Holz entschwindet mir die reinste Gestalt meiner Berliner Jugend. Sein «Buch der Zeit” gab 1885 einer unzufriedenen, von einer Sehnsucht, deren dunklen Drang zu deuten sie selber ohnmächtig war, gequälten Jugend den Auftakt zur Tat. Ostpreuße von Geburt, kühn, immer zum Angriff bereit, unfähig, sich auch nur vorzustellen, daß auch er einmal irren könnte, war er der Mann, nach dem der Augenblick der Entwicklung verlangte. Er begann zunächst durchaus im alten Tone der Überlieferung, er spottete selbst später gern über die Zeit, in der auch ihm noch das «Entzückendste” eine Zeile war, «die wie eine Kuhglocke läutete”, doch bald darauf fand er seine «ganze” damalige Lyrik «keinen Pfifferling wert”, um bald darauf neues Entsetzen durch seine «Revolution der Lyrik” zu erregen, die nun über den «freien” Rhythmus hinweg zum «notwendigen” Rhythmus empordrängt. Wir saßen damals manche Sommernacht auf dem Balkon des Café Bauer oben mit ihm, hell klingt mir noch sein schnoddriger Enthusiasmus nach, der Schmiß seiner ungehemmten Entschiedenheit, die keinen Einwand, kein Bedenken, keinen Zweifel zuließ, der Imperativ seiner Urteile, gegen den es keinen Widerspruch hab, sobald für ihn etwas «klar” war, «logisch” war und nun dafür auch noch die «richtige Formel” gefunden war. Als es ihm dann einmal im Winter gar zu «dreckig” ging, bot ihm ein Berliner Mäzen ein Asyl an, und da wanderten mein lieber Jugendfreund Wolfgang Heine und ich einst im knisternden Schnee durch die Heide nach Nieder-Schönhausen hinaus, in das «Idyll”, in dem Holz mit Johannes Schlaf hauste. Der Mäzen hatte nämlich bloß einen Hausmeister ersparen wollen, zur Bewachung seiner Sommerwohnung über den Winter. Wir fanden die beiden ungleichen Gefährten in dicke, rote Decken bis an die Nasen eingemummt, zum Schutze vor den beißenden Winterstürmen; sie heizten sich mit Dämpfen aus ihren qualmenden Pfeifen und ihrem simsonstarken Glauben an ihre Sendung ein. Diesen verloren sie nie, auch nach ihrer Scheidung nicht. Der immer ungeduldige Holz ertrug ja selbst einen so sanften Gefährten auf die Dauer nicht, er schüttelte bald auch ihn ab. Schlaf kann ja Gesellschaft entbehren, er lebt kosmisch, er verkehrt in Weimar jetzt eigentlich nur noch mit den Sternen am Himmelszelt, es ist die beste Gesellschaft, die man sich wünschen kann. |
Zusammenfassung Der Nachruf auf Holz besteht vor allem in der Erinnerung an einen Winterspaziergang des Studenten Bahr zu Holz, und in der Feststellung, dass Johannes Schlaf Holz entbehren kann.
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Schlagwörter Artikel in einem Periodikum, Tagebuch